Es gibt eine Strömung in der modernen Radkultur, die vom Leiden besessen ist. Wattmesser, Watt pro Kilo, die „Pain Cave“, die heroische Grimasse im Social-Media-Feed. Radfahren ist zu etwas geworden, das man misst, optimiert und erträgt. Das ist nichts für mich. Ich will eine Radtour nicht überleben, ich will sie genießen. Ich will die Kilometer nicht abhaken, ich will sie auskosten. Also habe ich mich wieder Cristian Gemmato angeschlossen, einem in Österreich lebenden Italiener, der Rennradurlaube in Cesenatico anbietet – dem Ort, an dem er als Kind seine Sommerferien verbracht hat. Sein Konzept, „Mach Urlaub, Fahr Rennrad“, stellt den Genuss gleichberechtigt neben die Ausdauer. Und das einzige Mal, dass ich ihn je in Eile gesehen habe, war, wenn die Uhr tickte und wir es zurück ins Hotel schaffen mussten, bevor die Küche das Mittagessen schloss. Rennradurlaub in Cesenatico. Eine letzte gestohlene Woche voller Genuss und Ausdauer in den Hügeln hinter Cesenatico
In Cesenatico bricht die Herbstdämmerung über der Adria in der Farbe der Kakis an, die in den Obstgärten entlang der schmalen, schnurgeraden Straßen aus dem Ort hängen. Diese Straßen führen am berühmten Rubikon Caesars entlang, einem Fluss, der heute so unscheinbar ist wie damals bei seiner schicksalhaften Überquerung, als selbst die antiken Schriftsteller wenig beeindruckt waren. Der Dichter Lucan beschrieb ihn als kleinen, rötlichen Bach – und genau das ist er bis heute.
Sie führen in die Hügel. Wir fuhren zwischen 90 und 110 Kilometer am Tag, mit reichlich Höhenmetern. Die Anstiege sind steil und abrupt. Das hier ist kein Hochgebirge, aber die Hügel sind in kurze, knackige Buckel gefaltet, die einen nie richtig zur Ruhe kommen lassen. Man klettert mit pochendem Herzen und fährt manchmal mit dem Herzen in der Hose bergab; der Lehmboden macht den Straßenbau zum Albtraum, und die ständigen Risse und Schlaglöcher machen es ratsam, den Blick auf der Straße zu behalten.

Herbstgold
Aber wenn man doch einmal aufblickt: was für Aussichten. Der Herbst in der Emilia-Romagna ist spektakulär. Ich habe mich zu genau dieser Jahreszeit in die Gegend verliebt, als ich jedes Jahr zur Olivenernte auf den Hof eines Freundes oberhalb von Cattolica kam. Schon damals blickte ich über den Olivenhain auf die Straßen, die sich zwischen den goldenen Hecken schlängelten, und wünschte mir, ich hätte ein Rad dabei. Im Oktober liegen die gepflügten Felder in langen Streifen aus Hellbraun und Ocker. Die Hecken werden braun, gesprenkelt mit den roten Funken der Hagebutten. In den Obstgärten haben die Kakibäume ihre Blätter schon abgeworfen, und an ihren kahlen grauen Ästen hängen leuchtend orange Früchte wie Lampions, die nach einem Fest draußen vergessen wurden. An den Hängen sind die Reben – Sangiovese und Albana, die Weine der Romagna – golden geworden.
Pistazie statt Schmerz
Oben auf den Anstiegen warten oft charismatische Cafés, in denen sich die Einheimischen bei Kaffee, Cornetti oder sogar einem morgendlichen Glas Sekt treffen. Man kann sich hier verausgaben, aber das einzig wirklich Maßlose wäre, mit einer verhärmten, gequälten Grimasse anzukommen. Das ist ein Ort, an dem sie dein Gebäck mit reichhaltiger, süßer, klebriger Pistaziencreme füllen. Sie wollen – und erwarten –, dass du das Leben genießt.
Also rollten wir jeden Tag um halb zehn aus Cesenatico hinaus, sobald die Morgenkälte nachgelassen hatte, und verbrachten die nächsten fünf Stunden in den Hügeln, bevor wir zurück an die Küste rasten, um rechtzeitig am Tisch zu sitzen – immer am Hinterrad von Cristian, der mit seinem weißen Bart und seiner Sonnenbrille aussieht wie eine Mischung aus einem schlanken Weihnachtsmann und einem Michael Stipe im Spätwerk.
Der Fels am Horizont
Wohin Cristian uns auch führte, San Marino schien uns zu beobachten. Von fast jedem Grat aus erhob es sich am Horizont: der Monte Titano, eine gewaltige Kalksteinplatte, die aus den sanften Lehmhügeln emporgestemmt wurde, seine Häuser an die Felswände geklammert wie Seepocken an einen Schiffsrumpf, seine drei Türme wie Masten entlang des Grats aufgereiht. Es ist ein ganzes Land, die älteste noch bestehende Republik der Welt, auf einem einzigen Felsen. Der Legende nach wurde sie im Jahr 301 von Marinus gegründet, einem christlichen Steinmetz aus Dalmatien auf der Flucht vor römischer Verfolgung, der mit seinem Freund Leo zum Arbeiten nach Rimini gekommen war. Marinus zog auf den Monte Titano. Leo wählte den Felsen auf der anderen Seite des Tals – und genau dorthin waren wir unterwegs.
Dantes Maßstab
Cristian tat die Straße nach San Marino als zu breit und zu hässlich ab. Die Straße nach San Leo dagegen, versprach er, sei ein Genuss – und das war sie auch, trotz hartnäckigem Gegenwind und eines Rufs, der sieben Jahrhunderte zurückreicht. Dante nahm sie als Maßstab für einen mörderischen Anstieg. Im Purgatorio, angesichts des fast senkrechten Pfads auf den Läuterungsberg, schreibt er:
„Vassi in Sanleo e discendesi in Noli … ma qui convien ch’om voli.“
Nach San Leo kann man hinaufgehen und nach Noli hinab, auf eigenen Füßen – doch hier müsste man fliegen.
Siebenhundert Jahre später, auf einem Carbonrad, war ich mir nicht ganz sicher, ob Dante San Leo gerecht geworden ist.
Vom Tal aus taucht die Festung lange vor dem Ort auf: am Rand einer senkrechten Klippe thronend, aus den Wolken hervorlugend wie aus einer Fantasy-Saga. Im 10. Jahrhundert leistete König Berengar II. hier seinen letzten Widerstand gegen den deutschen Kaiser Otto I., und für ein paar Jahre war dieser Felsen praktisch die Hauptstadt Italiens. Die Festung, die man heute sieht, wurde im 15. Jahrhundert für Federico da Montefeltro, den kriegerischen Herzog von Urbino, neu errichtet – so gebaut, dass sie Kanonenfeuer abschütteln konnte.
Man gelangt über die einzige Straße in den Ort, eine geschwungene, gepflasterte Rampe, die unter abweisenden Toren in den Fels gehauen ist. Im Hochsommer, stelle ich mir vor, wimmelt es hier von Busladungen voller Tagesausflügler. Ende Oktober teilten wir ihn mit ein paar Männern mit Schiebermützen, die Kaffee schlürften, und einer alten Frau, die sich tief gebeugt gegen den Wind auf dem Gipfel stemmte.
Später, unter dem Kirchenstaat, wurde die Festung zu einem berüchtigten Gefängnis. Ihr berühmtester Insasse war Graf Cagliostro – Okkultist, Alchemist und Abenteurer –, von der Inquisition wegen Ketzerei verurteilt. Er wurde durch eine Falltür in der Decke in seine Zelle hinabgelassen und starb dort 1795. Ihr einziges vergittertes Fenster blickte hinab auf die beiden Kirchen des Ortes – eine letzte Predigt für den Unbußfertigen.
Über Schotter zu Byrons Platz
In Italien muss man nicht nach Geschichte suchen; sie scheint in jeden Fluss und jeden Anstieg geschrieben. Am nächsten Tag fuhren wir hinauf nach Monteleone, einem befestigten Weiler mit nur ein paar Dutzend Einwohnern. Ein schöner Anstieg, aber im Moment ein ruppiger. Die Unwetter im Mai 2023 und erneut im Herbst 2024 brachten in wenigen Tagen den Regen von Monaten, ließen in der ganzen Emilia-Romagna Flüsse über die Ufer treten und lösten Hunderte Erdrutsche in den Apenninhügeln aus. Das Hinterland, durch das ich fuhr, gehörte zu den am schwersten getroffenen Gebieten, und die Straße nach Monteleone wurde praktisch weggespült.
Als ich über das Geröll holperte, lebte ich meine Fantasie aus, Chris Froome oder Simon Yates auf dem Schotter des Colle delle Finestre zu sein. Nur ist die Schotterpiste am Finestre bewusstes Giro-Theater; unsere hatten wir dem Regen zu verdanken. Cristian sagt, fünf Millionen Euro seien für die Reparatur vorgesehen. Auf halber Höhe musste ich einem einsamen Bagger und ein paar orange gekleideten Arbeitern in der Zigarettenpause ausweichen. Im Guten wie im Schlechten: Eile scheint nicht zu den Eigenschaften dieser charmanten Region zu gehören.
Der Anstieg war steil, aber die Mühe wert. Oben heißt der kleine Platz des Dorfes Piazza Byron. Zuletzt hatte ich den Dichter in Tepelenë in Albanien getroffen, wo 1809 ein 21-jähriger Byron an den Hof von Ali Pascha ritt. Ein Jahrzehnt später war er hier, in diesen Hügeln, und folgte einer verheirateten Gräfin. Teresa Guiccioli war 19, ihr Ehemann, Graf Alessandro Guiccioli, fast vierzig Jahre älter, und Byron folgte ihr zwischen Venedig, Ravenna und dieser Burg, die dem Grafen gehörte. Der Legende nach trafen sich die Liebenden hier heimlich. Als wir ankamen, waren die Caféstühle an den Steinmauern gestapelt, das Dorf richtete sich schon auf den Winter ein. Selbst Byrons Platz muss warten: Ein Plan, ihn herauszuputzen, wurde gerade auf 2027 verschoben.
Das Mädchen auf der Mauer
Andere Tage brachten sanftere Freuden. In Longiano fuhren wir durch den Ort hinauf in den Hof der Burg der Malatesta, einer mittelalterlichen Festung, in der heute die Sammlung italienischer Kunst des 20. Jahrhunderts eines Dichters untergebracht ist. Auf den Wehrmauern sitzt das bronzene „Ragazzina sulle Mura“ des Ortes, ein kleines Mädchen, das über die Terrakottadächer hinweg auf die Ebene und das Meer blickt. Als wir weiterfuhren, hielt sie einen Pappteller mit einem Stück Crostata, der Gittermuster-Marmeladetorte jeder italienischen Großmutter. Jemand aus unserer Gruppe hatte beschlossen, dass sie hungrig aussah.
Der Schreckgespenst-Berg
Den berühmtesten Anstieg hatte Cristian sich für den letzten Tag aufgehoben: den Barbotto. Er beginnt am Rand von Mercato Saraceno im Savio-Tal und führt rund fünf Kilometer hinauf zu einem Weiler auf dem Grat. Die ersten Rampen sind moderat. Der letzte Kilometer ist grausam, mit Steigungen von fast 18 Prozent. Die Einheimischen nennen ihn spauracchio – das Schreckgespenst.
Die Straße wurde nicht für Radfahrer gebaut. Sie entstand Mitte des 19. Jahrhunderts, um Schwefel aus den Minen von Perticara abzutransportieren, ist aber seit Jahrzehnten Teil der Radsport-Folklore. Der Giro d’Italia führte 1954 darüber, und der Legende nach erklomm Fausto Coppi die letzte Rampe, während er eine Banane aß. 2024, auf der ersten Etappe der ersten Tour de France, die je in Italien startete, säumten Tausende Fans die Straße. Als sie noch eine Schotterstraße war, malte jemand eine Zeile aus Dantes Inferno darauf, die Worte am Tor zur Hölle: „Qui si convien lasciare ogne sospetto; ogne viltà convien che qui sia morta.“ Alles Zaudern muss hier zurückbleiben; jede Feigheit muss hier sterben.
Francescos Schrein
Oben, gleichsam als Entschädigung, liegt die Bar Barbotto, seit 1947 von derselben Familie geführt und heute in den Händen ihres herzlichen Gastgebers in dritter Generation, Francesco Mazzoni. Sie ist ein Museum voller Radsport-Erinnerungsstücke, vom Boden bis zur Decke. Alte Trikots und Kappen hängen an den Holzwänden. Es gibt einen rosa Giro-Wimpel von 2010. Verblichene, handbeschriftete Fotos zeigen Coppi und Bartali 1954 auf dieser Straße, und Merckx, Gimondi und Moser 1973.
Und natürlich ist da Marco Pantani, Cesenaticos tragischer Held, der an diesem Anstieg trainierte. Ein gerahmtes Gedicht eines Fans aus Forlì trägt das Datum 14. Februar 2004, Pantanis Todestag, und stellt sich vor, wie er allein weiterfährt, in einem friedlichen Park dort oben, wo es keine Anstiege mehr gibt. Auf einem Tisch darunter liegt eine kleine Bibliothek: die Erinnerungen seiner Mutter, Era mio figlio („Er war mein Sohn“); ein Buch, das fragt, wer ihn umgebracht hat; Geschichten des romagnolischen Radsports; und, unerwartet, ein Führer zur Gotenstellung, der deutschen Verteidigungslinie, die 1944 durch genau diese Hügel verlief.
Wettlauf gegen die Küchenuhr
Es war immer schön, zurück zur Basis zu kommen, Cristian in einer langen Reihe surrender Pedale folgend, während er am Rubikon entlang zurückjagte, um das Ende der Mittagsküche noch zu schlagen. Wir wohnten im Hotel Lungomare, einem Radhotel, das weiß, was hungrige Radfahrer brauchen. Sein Radraum, nach Pantani benannt, fasst über 150 Räder, und seine geführten Touren sind nicht nach Watt, sondern nach Getränken eingeteilt, vom sanften „Camomilla“ bis zum fordernden „Spritz“. Neben der obligatorischen Pasta kamen Bleche mit verdure al forno: Radicchio, geröstet, bis seine bitteren Blätter an den Rändern karamellisierten, glänzende Auberginenscheiben, weich und süß gewordener Fenchel, am Rand angekohlte Zwiebelhälften, Zucchini, in Olivenöl getränkte Kartoffeln und rote Paprika, gefüllt mit goldenen, kräuterigen Semmelbröseln. Nach fünf Stunden im Sattel fühlte es sich weniger nach Auftanken an als nach einer Belohnung.
Nebensaison
Dann kamen die Nachmittage am Strand, die Sommermaschinerie längst weggeräumt. Bulldozer hatten den Sand zu langen Winterdünen aufgeschoben, um die Strandbäder vor Stürmen zu schützen. Ein paar Brandungsangler saßen neben Dreibeinen mit langen Ruten unter dem Grattacielo, dem Hochhaus aus den 1950er-Jahren, das kurzzeitig das höchste Gebäude Italiens war. Unter einem schiefergrauen Gewitterhimmel sah es weniger hässlich aus, als ich es in Erinnerung hatte. Beinahe heroisch.
Und morgens, kurz vor dem Frühstück, stieg die Sonne wie eine riesige Kaki aus der Adria, glühte hinter einem langen hölzernen Steg, und der nasse Sand brannte orange.
Eine letzte gestohlene Woche vor dem Winter. Wir sind hart gefahren, wir haben gut gegessen, wir haben oben aufeinander gewartet. Und zum Mittagessen waren wir immer zurück.
Dieser Beitrag ist im Blog von Christian Cummins in englischer Sprache erschienen und ist hier übersetzt wiedergegeben.
